1.1 Utopie der Liebe
Das erste Kapitel heißt « Glücklich mit Ivan ». Es geht um eine Frau, die ihre alltäglichen Erfahrungen mit ihrem geliebten Ivan erzählt. Ivan hat zwei Kinder, scheint ein normaler Mensch der realen Welt zu sein und verkörpert den typischen abendländischen Mann. Am Anfang scheint die Ich-Figur sowohl glücklich mit ihm als auch verliebt in ihn zu sein. Sie strebt nach Glück, Liebe und Leidenschaft. Ivan verkörpert ihr Liebesziel. Doch ihr Glück ist nur eine Fassade, Liebe nur eine irreale Utopie.6 Durch Liebe, Glücklichsein und Lachen erhofft sie eine gewisse Erlösung, eine Heilung.
« Weil Ivan und ich einander nur das Gute erzählen und manchmal etwas, damit wir einander zum lachen bringen (…), weil wir sogar so weit kommen zu lächeln vor Versunkenheit, also den Ausdruck finden, in dem wir uns selber kommen,hoffe ich, wir könnten eine Ansteckung herbeiführen. Langsam werden wir unsere Nachbarn infizieren, einen nach dem andern, mit dem Virus, von dem ich schon weiß, wie man ihn nennen dürfte, und wenn daraus eine Epidemie entstünde, wäre allen Menschen geholfen.. »7
Doch sieht man durch die Worte « Ansteckung », « Infizieren », « Virus », « Epidemie », dass sie die Liebe paradoxerweise wie eine Krankheit darstellt. Als ob diese Liebe viel zu stark wäre, dass es krankhaft auf sie wirken würde. Ivan stellt einfach nur die Sehnsucht der Ich-Erzählerin nach Liebe im realen Leben, in der Realität dar. « Ivan (…) verkörpert nur den Zielpunkt der Sehnsucht der Ich-Erzählerin. »8
Ivan und die Ich-Figur haben aber eine ganz verschiedene Vorstellung der Beziehung, die sehr ambivalent ist. Ivan ignoriert ihre Liebe, er erwidert sie nicht. Er scheint unfähig zu lieben, bleibt kalt und Gefühllos. Er will nur mit ihr « spielen », sie im Gegenteil sucht in Ivan ihre Erlösung. « Liebe » bedeutet etwas völlig Verschiedenes für beide von Anbeginn : rationales « Spiel » für Ivan, Absolutheit, Erlösung und Erfüllung für die Ichfigur. »9 Der Name « Ivan » ist deswegen sehr gut gewählt, denn seine deutsche Abwandlung wurde oft von Ingeborg Bachmann benutzt und verkörpert eine Figur, die die Liebe als Spiel versteht.
« Der Name Ivan im Russischen entspricht dem deutschen Namen Johannes, Kurzform Hans, verweist auf Hans in Bachmanns Erzählung « Undine geht » und auf Jan im Hörspiel « Der gute Gott von Manhattan ». Ivan verkörpert Figuren, die in der Welt befangen und ihren Redensarten, Zwecken, Nützlichkeiten, und Spielen – Liebe verstanden als Spiel – unterworfen sind. »10
Die ich-Figur, wartet sehnsüchtig abhängig Stundenlang auf seine Anrufe, als ob ihr Leben davon abhängig wäre. Wenn sie telefonieren, sind die banale kurze Telefongespräche immer fragmentiert. Es geht oft um banale Verabredungen die oft ins Wasser fallen oder Alltagsgespräche ohne wichtigen Inhalt.
« Ich heute abend?
Nein wenn du nicht kannst
Aber du bist doch
Das schon, aber dahin will ich nicht
Ich halte das aber für, entschuldige
Ich sage dir doch, es ist ganz ohne
Du gehst besser hin, denn ich habe vergessen
Du hast also. Du bist also
Dann bis morgen, schlaf gut! »11
Diese Sätze sind nicht nur wegen der schlechten Leitung fragmentiert, sondern verkörpern einerseits das Kommunikationsproblem, zwischen Männern und Frauen, und sind anderseits eine Metapher für die fragmentierte Persönlichkeit der Ich-Figur. In ihren Gefühlen ist sie zwischen Leidenschaft, Enttäuschung, Demütigung, Resignation und Hoffnung zerrissen.
1.2 Latente Gewalt
In der Beziehung zwischen Ivan und der Ich-Figur gibt es eine latente geistige Gewalt. Liebe ist für ihn ein Spiel mit « Lehrsätze »12 und « Schimpfsätze »13, in dem er die Ich-Figur dominiert. Zum Beispiel gibt er ihr aufdringlichen Befehle, als ob sie ein Hund wäre: « Ich will dich sofort hierher haben. »14 Er beschimpft sie sadistisch, und sie reagiert darauf « süchtig »15, als ob sie Masochistin wäre.
« Les hommes sont des cochons
Soviel Französisch wirst du noch können
Les femmes aiment les cochons
Ich rede mit dir wie ich will
Ein kleines Luder bist du (…)
Du bist zu dumm, du verstehst eben nichts
Ein ganz großes Luder musst du werden(...) »16
Das ist bestimmt ein ironischer Hinweis an die traditionelle Psychologie, die sagt, dass Frauen von Natur aus Masochistinnen sind. Nach dem ungarischen Psychiater Krafft Ebing sind Masochismus und Passivität weiblich– Die Vagina hat nur ein Empfangs Funktion, sozusagen eine passive Funktion – und Sadismus und Aktivität männlich – wegen des Penis.17
Ivan will der Ich-Figur auch ein Mal scherzhaft ins Gesicht schlagen, was sie schmerzhaft an ein Vorfall aus ihrer Kindheit erinnert, nämlich das erstes Mal, dass sie mit Gewalt konfrontiert wurde, als ein Junge ihr einen Schlag ins Gesicht gab. Diese Geste ruft bei ihr Angst hervor.18
Ivan demütigt und erniedrigt die Ich-Figur sowie ihre Weiblichkeit, wenn er ständig sagt, sie sei nur ein « kopfloses, leerköpfiges Fräulein »19, die « dumme Prinzessin auf der Erbse »20, als ob Frauen keine Denkfähigkeiten hätten und nur da wären zum schön aussehen. Cho-Sobotka sagt sogar in ihrer Studie « Auf der Suche nach dem weiblichen Geschlecht », das die Frau ihre Intellektualität für die Liebe opfert um in unserer heutigen Gesellschaft überleben zu können. « Die Beschreibung der Liebe stellt den Sprachgestus einer liebenden Frau zur Schau, von ihren gelegentlichen Enttäuschungen durch Ivan bis zur Täuschung über sich selbst. Sie opfert um der Liebe willen ihre Intellektualität, um in der Welt bestehen und überleben zu können. »21
1.3 Scheitern der Liebe
Die Ich-Figur wird immer mehr enttäuscht von dieser zerstörerischen Liebe, - « Aber da Ivan mich nicht liebt, mich auch nicht braucht, warum sollte er mich eines Tages lieben oder brauchen? »22 - da Liebe nur noch Abhängigkeit, Angst Enttäuschung, unerfüllte Erwartungen und Hoffnungen bedeutet.
« Die Erwartung der Ich-Figur, in der Liebe ihre Daseinsbestätigung in der Welt zu erfahren, wird enttäuscht, und ihre Emotionalität rettet sie nicht aus der « kranken Gesellschaft », sondern bringt sie in einen nahezu pathologischen Zustand. Das fehlende Verständnis des Geliebten, seine Ignoranz gegenüber ihrer Persönlichkeit und schließlich seine Absage an die Liebe führt sie dazu, die Geschichte der Geschlechtsverhältnisse und des darin eingeschriebenes Ortes der Weiblichkeit zu erkunden. »23
Das Motiv der Liebe spiegelt hier eine « kranke Gesellschaft » wider: Es geht um eine Welt in der die Weiblichkeit erniedrigt und als « leerköpfige » und « dumm » bezeichnet ist, eine Welt wo die Frau nur auf ihre Gefühle und Emotionalität reduziert ist, eine Welt wo die Männer die Herrschaft über die Frauen haben, und Gewalt über sie ausüben, eine Welt wo die Utopie der Liebe scheitert, wo die deformierte Liebe nur noch ein Herrschaftsspiel ist, die nichts mehr mit der Liebe der Märchen zu tun hat. Es ist eine masochistische Liebe die sich krankhaft und zerstörerisch umwandelt. Man bemerkt in dem Roman, sowohl eine scharfe Kritik der Gesellschaft, als auch eine Kritik der Beziehungen Mann/Frau.
6 Die Utopie der Liebe ist sehr beliebt in der Literatur der Romantik (18., 19. Jhdt)
7 Malina (1980), Bachmann, S. 32
8 Auf der Suche nach dem weiblichen Subjekt, Cho-Sobotka, S. 21/22
9 Malina - Ingeborg Bachmann, Lücke, S. 119/120
10Auf der Suche nach dem weiblichen Subjekt, Cho-Sobotka, S. 21
11 Malina (2004), Bachmann, S. 43
12 Malina (1980), Bachmann, S. 39
13 Malina (2004), Bachmann, S. 84
14 Malina (1980), Bachmann, S. 76
15 Malina (2004), Bachmann, S. 76
16Ebd, S. 84
17 Psychopathia Sexualis mit besonderer Berücksichtigung der conträren Sexualempfindung; Krafft-Ebing
18 Malina (1980), Bachmann, S. 77
19Ebd, S. 46
20Ebd, S. 46
21Auf der Suche nach dem weiblichen Subjekt, Cho-Sobotka, S. 76
22Malina (1980), Bachmann, S. 78
23Auf der Suche nach dem weiblichen Subjekt, Cho-Sobotka, S. 52