2.1 Zwei Gegensätze
Malina taucht in der drei Kapiteln des Romans auf. Im Vergleich zu der Ich-Figur, die die Emotionen und Gefühle (Liebe) verkörpert, verkörpert hingegen Malina die Rationalität, das Wissen und die Vernunft. Malina weiß alles: « Gewiss war mir, das ich Malina wollte und dass alles, was ich wissen wollte, von ihm kommen musste. »24, « Du bist der Klügere, du weißt doch immer alles, du machst mich noch ganz krank mit deinem Alleswissen. »25 Malina und die Ich-Figur sind zwei Gegensätze, zwei Oppositionen wie das Yin und Yang. Er ist männlich, sie ist weiblich, er ist rational, sie ist emotional, er hat das Wissen, sie ist ein « kopfloses, leerköpfiges Fräulein »26. Malina verkörpert irgendwie die patriarchale Gesellschaft, in der der Mann durch seine Kultur und Intellektualität die Frau dominiert.
Malina existiert aber nur in der Inneren Welt der Ich-Figur. Er ist eine Art alter Ego, er ist der Doppelgänger27, die Doppelfigur der Ich-Figur. « Ich bin Doppelt. Ich bin auch Malinas Geschöpf. »28 Durch diesen folgenden Hinweis sieht man, dass die Ich-Figur Malina erfunden hat: « Du bist nach mir gekommen, du kannst nicht vor mir da gewesen sein, du bist erst denkbar nach mir. »29
Wenn man es gut beobachtet ist Malina ein Anagramm von « Anima », was im Latein « Seele » bedeutet. Er ist der, der im Schatten die Ich-Figur in ihrem Leben begleitet.30 Sabine Grimkowsky schreibt in ihrer Studie « Das Zerstöre Ich », dass der Entzweiungsprozess eine Notwendigkeit ist, um zur Einheit zu führen.« Selbstreflektion ist nur unter der Bedingung der Begrenzung des Ich durch ein Entgegengesetztes möglich. Das Ich erzeugt ein anderes in sich selbst, um zu einer Einheit zu kommen. Der Weg der Einheit führt über die Entzweiung. »31
Malina hilft auch der Ich-Figur mit seinem Wissen. Im Traumkapitel hilft Malina der Ich-Figur die Deutungen ihrer Träume zu finden in der Art der Traumdeutung von Freud.32 Die Dialoge, oder « inneren Monologe » erinnern an einer Psychoanalyse.
Malina und die Ich-Figur sind eine Vereinigung und eine Seelenverwandtschaft zwischen zwei Gegensätzen: die Emotion, die die Frau im abendländischen Denken charakterisiert, und die Rationalität, die die Männlichkeit im abendländischen Denken charakterisiert.33 Sie formen gemeinsam eine Synthese von Ratio und Emotionalität, sie verkörpern ein « drittes Geschlecht », etwas ideales, eine Art Zwitterfigur, Androgynität.34 « Die Doppelfigur aus Malina und Ich, eine Seelenverwandtschaft zwischen Mann und Frau, versinnbildlicht gleichsam den « Wunschtraum beider Geschlechter » und « grenzenlose Möglichkeit der Wandlung. »35 Cho Sobotka fügt hinzu: « Dem Konzept der Doppelfigur eng verwandt ist ein androgynes Bild der Weiblichkeit, in welchem eine Seelenverwandtschaft zwischen beider Geschlechter ans Licht tritt. »36 Die Weiblichkeit wird also dank dieser Dualität nicht erniedrigt und verleugnet. « Die Doppelstruktur erlaubt es Ingeborg Bachmann in Malina, auf der Vernunft zu bestehen, ohne das weibliche Ich zu verleugnen, ohne dessen Wahrnehmung zu unterdrücken(...) »37 Ingeborg Bachmann erzählt folgend diese Dualität Mann/Frau, und warum sie ein Mann als Doppelgänger gewählt hat: « Es war nur für mich wie das Finden meiner Person, nämlich dieses weibliche Ich nicht zu leugnen und trotzdem das Gewicht auf das männliche Ich zu legen... »38 Mit einem männlichen Gegenpart, scheint die Frau ein besseres Gleichgewicht zu dem Mann und einen besseren Zugang zu dem Wissen zu haben ohne ihre Weiblichkeit zu verleugnen.
2.2 Ohne Malina
Ohne Malina ist die Ich-Figur wieder « nur noch Frau » und verkörpert nur noch ironisch das weibliche Bild/ Klischee, das die traditionelle Psychoanalyse und das abendländische Traditionelle Denken verbreiten: das heißt eine Frau, die keine Intellektualität besitzt.
« Die Ich-Figur, « im geheimen » ein Frauenbild, das einem Klischee der Weiblichkeit entspricht. Dieses Frauenbild kann die Ich-Figur nur in der Abwesenheit Malinas ausmalen, was heißt, dass sie gänzlich dem Bild einer Weiblichkeit ohne Intellektualität und Ratio, d.h. dem Weiblichkeitsentwurf der Psychoanalyse entspricht. »39
Die Frau wird auf ihrem Körpern reduziert (besonders auf ihre Körperpflege), sie scheint nur noch ein Objekt zu sein.« Es müssen die Haare zwanzig mal gebürstet, die Füße gesalbt und die Zehnnägel lackiert werden, es müssen die Haare von den Beinen und unter den Achseln entfernt werden, die Dusche wird an- und ausgemacht, ein Körperpuder wolkt im Badezimmer, es wird in den Spiegel gesehen(...) »40Ohne ihren männlichen Gegenpart (Malina) scheint die Ich-Figur mangelhaft. Das ist ein zynischen Zwinkern an die traditionelle Psychologie, die behauptet, « Die Frau existiert nur in Relation zum Mann, das Weibliche als Mangel des Männlichen. »41 Mann kann sich an die bekannte Formel von Lacan erinnern: « La femme n'existe pas. »
Es gibt eine Szene, in der die Ich-Figur vor ihrem Spiegel steht und sich in zwei Ich spaltet.42 Die erste « Ich-Figur » lebt in der realen Welt, in der sie ihren männlichen Gegenpart (Malina) braucht um in der Welt zu überleben. Die andere « Ich-Figur » verschwindet hinter dem Spiegel in einer imaginären Welt, in der sie sich ganz fühlt, da braucht sie nicht mehr ihren männlichen Gegenpart und ihre Liebe zu Ivan, um sich ganz (und sich nicht mehr mangelhaft) zu fühlen. Dort ist sie « ganz Frau ». « Ich bin in den Spiegel getreten, ich war im Spiegel verschwunden, (…), ich war einig mit mir und ich bin wieder uneins mit mir. (…) Einen Augenblick lang war ich unsterblich und ich, ich war nicht da für Ivan und habe nicht in Ivan gelebt, es war ohne Bedeutung. »43 Die Vergangenheit steht hier für die Reise hinter dem Spiegel, und die Gegenwart für die Realität. Cho Sobotka sieht hier eine Art Selbstfindung der Ich-Figur, die aber nur einen Augenblick dauert. « Dieser Moment der Mit-sich-selbst-einig-Werdens kann als der Moment einer Identitätsfindung der Ich-Figur ohne Rückbesinnung auf ihren männlichen Gegenpart gelesen werden.. »44
2.3 Gewalt der Ratio
Malina wirkt im Laufe des Romans immer aggressiver. Am Ende gehört er nicht mehr zur Ich-Erzählerin selbst. « Die Gleichgültigkeit und Emotionslosigkeit Malinas führt schließlich das Zerbrechen der Zusammengehörigkeit der beiden Figuren herbei. »45 Er ist am Ende eine vollwertige Person, man bemerkt es als er am Telefon selbst antwortet.
« Malina sagt: Hallo? Und wieder er sagt eine Weile nichts.
Wie bitte?
Nein?
Dann habe ich mich nicht richtig ausgedrückt.
Es muss ein Irrtum sein.
Die Nummer ist 72 31 44.
Ja, Ungargasse 6.
Hier ist keine Frau.
Ich sage doch, hier war nie jemand dieses Namens.
Es gibt sonst niemand hier.
Meine Nummer ist 72 31 44.
Mein Name?
Malina. »46
Sobald Malina von der Ich-Figur getrennt erscheint, nimmt die Ratio (Malina) destruktive Züge an47 und wirkt unkontrollierbar. « Er hat meine Brille zerbrochen, er wirft sie in den Papierkorb, es sind meine Augen, er schleudert den blauen Glaswürfel nach (…), er lässt meine Kaffeeschale verschwinden, er versucht eine Schallplatte zu zerbrechen, (…) er zerreißt ein paar Briefe, er wirft mein Vermächtnis weg, es fällt alles in den Papierkorb. »48
Hier sieht man das Scheitern der Synthese Mann/Frau. Die Aggressivität und Destruktion Malinas symbolisiert ebenfalls die gescheiterte Rationalität einer erkrankten patriarchalen Gesellschaft.
2.4 Malina, Ivan und « Ich »: Das Dreieck
Malina verkörpert etwas ideales, unerreichbares, er ist die Vernunft, die Rationalität, das Wissen und gehört zur inneren Welt der Ich-Figur. Ivan hingegen ist der « typische, normale Mann » ,er ist ein Liebesziel und gehört zur Außenwelt und zur realen Welt der Ich-Figur. Im Vergleich zu der Ich-Figur haben Ivan und Malina einen Namen/eine Identität. Auch wenn sie Briefe zu « Herr Ganz »49 schreibt, unterschreibt sie unter « Eine Unbekannte »50, als ob sie keine Identität hätte.
Sie ist ständig zwischen Ivan und Malina, zwischen der Realität und ihrem gespaltenen Selbst, zwischen Emotionalität und Rationalität hin und her gerissen. « Das emotionale Ich sucht Ivan, das denkende, reflektierende Ich unterhält sich hingegen mit Malina. »51 Sie braucht aber die beide Männer, diesen Dualismus um zu leben. « Ich brauche mein Doppelleben, mein Ivan-Leben und mein Malina-Feld, ich kann nicht sein, wo Ivan nicht ist, aber ebenso wenig kann ich heimkommen, wenn Malina nicht da ist. »52 Ivan und Malina wissen aber nicht von einander. Malina will nichts von Ivan wissen. Und Ivan soll nichts von Malina erfahren, als ob es eine Drohung wäre.
« Ivan ist nicht gewarnt vor mir. Er weiß nicht, mit wem er umgeht, dass er sich befasst mit einer Erscheinung, die auch täuschen kann, ich will Ivan nicht in die Irre führen, aber für ihn wird nicht sichtbar, dass ich doppelt bin. Ich bin auch Malinas Geschöpf. »53 Die Ich Figur sehnt sich nach einer Harmonisierung mit Malina und Ivan. Leider scheitert diese Harmonisierungsprozess, weil sie am Ende stirbt.
24 Malina (1980), Bachmann, S. 15
25Ebd, S. 186
26Malina (2004), Bachmann, S 45
27 Das Motiv des Doppelgängers existiert in der Literatur seit der Antike, seit der griechischen Mythologie, und blüht in der Romantik.
28Malina (1980), Bachmann, S. 105
29Ebd, S. 260
30 Nach dem Psychiater Jung ist das Selbst zwischen Bewusstsein und Unbewusstem gespaltet, Malina stellt hier das Unbewussten dar, und die Ich-Figur das Bewusstsein. Um sich im Leben zu entfalten, fordert das Selbst erkannt, integriert und verwirklicht zu werden. Jung verwendet oft religiöse und spirituellen Ursymbole, wie das Mandala, das ein vereinigendes Symbol, ein Symbol der Ganzheit und der Harmonie darstellt, indem das Selbst in der Mitte steht, und die Kreisbewegung den Individuationsprozess darstellt.
31Das Zerstöre Ich, Grimkowski, S. 137
32 Das Traumgeschehen ist nach Freud eine wichtige Informationsquelle über unbewusste Erlebensweisen des Menschen
33 Der Dichter Novalis schrieb : « Wir sprechen von Einem, und es sind doch Zwey, die durchaus verschieden sind – aber absolut Correlata. » (S. 249, Novalis: Das philosophische Werk I. In: Schriften. Bd. 2 Hg. von Richard Samuel Darmstadt, 1981)
34 Die Zwitterfigur ist ein Motiv sehr beliebt in der Literatur der Frühromantik (18. Jhdt)
35Auf der Suche nach dem weiblichen Subjekt, Cho-Sobotka, S. 29
36Ebd, S. 26
37Das zerstöre Ich, Grimkowski, S. 156
38Wir müssen wahre Sätzen finden, Bachmann, S. 99
39Auf der Suche nach dem weiblichen Subjekt, Cho-Sobotka, S.54
40Malina (1980), Bachmann, S. 139
41 Weiblicher Masochismus in Literatur und Film des 20. Jahrhunderts, R.G. Schricker, S. 30
42Malina (1980), Bachmann, S.140
43Ebd, S. 140
44Auf der Suche nach dem weiblichen Subjekt, Cho Sobotka, S. 55
45Ebd, S. 30
46Malina (2004), Bachmann, S.337/338
47Auf der Suche nach dem weiblichen Subjekt, Cho-Sobotka, S. 32
48Malina (1980), Bachmann, S.335
49 Der Name Herr Ganz ist hier bestimmt ein Wortspiel, da sie gespaltet in ihrer Persönlichkeit ist, sie strebt wahrscheinlich nach diesem ''ganz sein''.
50Malina (2004), Bachmann, S. 108
51Auf der Suche nach dem weiblichen Subjekt, Cho-Sobotka, S. 37
52Malina (1980), Bachmann, S. 299
53Ebd, S. 105