3.1 Gewalt des Vaters
Die Figur des Vaters erscheint erst im Traumkapitel « Das dritte Man », besser gesagt in dem « Alptraumkapitel » – in dem sie grausamen verzerrten Kindheitserinnerungen erzählt. Die Figur des Vaters verursacht ein Trauma bei der Ich-Erzählerin. Der Vater hat mehrere Gesichter in ihren Träumen, er symbolisiert Angst und Gewalt. Er ist gegenüber der Ich-Figur sehr aggressiv: er übt Gewalt an ihr, vergewaltigt sie und will sie nur zerstören. Er hindert sie mit Gewalt zu Sprechen: « Ich lächle so, weil mein Vater nach meiner Zunge langt und sie mir ausreißen will, damit auch niemand mein Nein hört, obwohl niemand mich hört. »54 Er verbietet ihr auch das Schreiben, als er sie gefühllos in ein Gefängnis schmeißt. « Mein Vater hat für die Justiz verbreiten lassen, dass ich gefährlich sei, weil ich wieder schreiben wolle an ihn. »55 Er will dadurch wahrscheinlich versuchen, « das kulturgeschichtliche Wissen des Ich zu zerstören. »56
3.2 Symbol des Vaters
Die Vaterfigur verkörpert die institutionelle Autorität – Er ist mal Prediger, mal Filmregisseur, oder Opernregisseur. « Er leitet ein Unternehmen oder eine Regierung, er inszeniert an einem Theater, er hat Tochterrechte und Tochtergesellschaften. »57, er verkörpert auch die gewaltsame Vaterautorität, die patriarchale Gesellschaft – die von Männern dominiert ist, er stellt die Wirtschaft und die Macht dar.
Mal ist er ein Krokodil, das die Frauen frisst:
« das Krokodil öffnet manchmal schmachtend den großen Rachen, es hängen die Fetzen, Fleischfetzen von den anderen Frauen darin, und mir fallen die Namen aller Frauen ein, die er zerrissen hat, es schwimmt altes Blut auf dem Wasser, aber auch frische Blut; ich weiß nicht wie hungrig mein Vater heute ist. »58
mal Nazi-Verbrecher:
« Mein Vater nimmt ruhig einen ersten Schlauch von der Wand ab, ich sehe ein rundes Loch, durch das er herein bläst, und ich ducke mich, mein Vater geht weiter, nimmt einen Schlauch nach dem anderen ab, und eh ich schreien kann, atme ich schon das Gas ein, immer mehr Gas. Ich bin in der Gaskammer, das ist sie, die größte Gaskammer der Welt, ich bin allein drin. »59
Die Gaskammer lässt denken, dass es um die Deportation der Juden und um die Schuld- und Opferfrage des 2. Weltkrieges handelt. Die Ich-Erzählerin identifiziert sich hier als « Opfer », und ihr Vater hingegen wird als « Täter » betrachtet.60 In der Krokodil Geschichte will sie vermutlich auch zeigen, dass die Frau nur als Stückfleisch, als austauschbare Ware und leichte Beute des Mannes betrachtet ist. In der Metapher zu der Deportation der Juden im 2. Weltkrieg, fragt sich die Ich-Figur, ob die Frauen auch, wie die Juden in den Augen der Nazis, von minderer Rasse sind : « Sind wir von minderer Rasse? »61 Hinter dieser Frage steckt nicht nur eine scharfe Kritik des Systems, sondern auch eine Kritik der Macht und der Gewalt von Männern über Frauen. Die Vaterfigur ist also ein sehr negatives Motiv, das mehrere Gesichter hat; sie ist nach Ingeborg Bachmann die Verkörperung aller Mörder, was eine Metapher des perversen Funktionieren der Gesellschaft scheint :
« Die Vaterfigur ist natürlich die mörderische... Die verschiedene Kostüme trägt, bis sie am Ende alle ablegt und dann als Mörder zu erkennen ist. Ein Realist würde wahrscheinlich viele Furchtbarkeiten erzählen, die einer bestimmten Person oder Personen zustoßen. Hier wird es zusammengenommen in diese große Person, die das ausübt, was die Gesellschaft ausübt. »62
54Ebd, S. 184
55Malina (2004), Bachmann, S. 228)
56 Erinnerung als ästhetische Kategorie des Widerstandes im Werk Ingeborg Bachmanns, Stoll, S. 238
57Malina (1980), Bachmann, S. 244
58Malina (2004), Bachmann, S. 223
59Malina (1980), Bachmann, S. 182
60Auf der Suche nach dem weiblichen Subjekt, Cho-Sobotka, S. 70
61Malina (1980), Bachmann, S. 132
62Interview von Ingeborg Bachmann, mit Toni Kienlechner